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Cybermobbing

 

Es ist eine Themenwoche, die uns am Herzen liegt. Das Thema Cybermobbing.

Wir haben Einblicke bekommen, die man nicht so oft bekommt, denn uns wurde eine WhatsApp-Gruppe zugespielt, von einer Oberstufe, aus unseren drei Städten. Sie enthält rund 30.000 Nachrichten. 2000 davon sind Sprachnachrichten. Ein Mädchen wird darin immer wieder gemobbt. Welche Stadt oder Schule es genau ist, wollen wir nicht sagen. Wir haben den Namen des Mädchens geändert, um sie zu schützen, und nennen sie Lea. 15 Stunden hat unser Reporter gebraucht um die Nachrichten aufzuarbeiten. In der ganzen Woche wollen wir die verschiedenen Aspekte von Cybermobbing beleuchten. Zum Beispiel: Wie sollten sich Betroffene verhalten? Wo können sie sich anonyme Hilfe holen. Wie groß ist das Thema generell an den Schulen bei uns?

Dabei wollen wir auch von euch wissen, ob ihr Erfahrung mit dem Thema gemacht habt. Diskutiert mit uns auf unserer Facebook-Seite. Das Posting dazu findet ihr auch hier etwas weiter unten eingebettet.

Uns ist es wichtig, dass wir mit der Themenwoche auf das Thema Cybermobbing aufmerksam machen. Es hat sich durch unsere Recherche gezeigt, dass Cybermobbing an vielen Schulen bei uns ein großes Thema ist und sogar bei den Hilfehotlines im europaweiten Vergleich, bei den Internetthemen, auf Platz 1. ist. Auch bei uns mussten Täter schon die Klasse wechseln, damit sie eine Distanz zum Opfer bekommen. Betroffene mussten die Schule wechseln, um neu anfangen zu können. Drei Aspekte sind uns dabei besonders wichtig. Die Opfer sollen wissen, wie und wo sie sich Hilfe holen können. Die Täter sollen wissen, welche Strafen sie erwarten. Alle die, die bei Cybermobbing zusehen, ohne etwas zu unternehmen, sollen dafür sensibilisiert werden, die Initiative zu ergreifen und nicht dabei zuzusehen, wie ein anderer fertig gemacht wird.

Der konkrete Fall

Es fängt halbwegs harmlos an. Lea ist sehr redselig und gibt viel von sich Preis. Und bietet dadurch auch viel Angriffsfläche für immer mehr Anfeindungen gegen sie.Sie ist schon in der Schule ohne Whatsapp-Gruppe häufig angegangen worden. In der Gruppe wird es dann aber irgendwann immer extremer und und es fängt dann damit an, dass sie offen Beleidigt wird vor allen anderen. Was dann immer mehr wird. Es bildet sich dann eine Gruppe von ca. 10 Personen, die sie ständig angreifen. Die anderen über 90 Schüler machen nichts dagegen. Außer in einigen seltenen Ausnahmen. 

Sobald Lea irgendetwas in den Chat schreibt, reagiert die komplette Angreifer-Gruppe auf sie und so steht es dann eine gegen zehn. Es beginnt mit offenen Beleidigungen. Dann wird sie immer wieder nachgeäfft und es werden Fotos von ihr gemacht und direkt in die Gruppe geladen. Daraufhin wird sie dann in der Gruppe lächerlich gemacht. Es entwickelt sich also mit der Zeit ein regelrechter Psychoterror, bei dem unser Reporter, als er sich den Chat durchgelesen hat, schon immer unwohler gefühlt hat. Es wird immer unerträglicher wie gnadenlos das Mädchen immer weiter in die Ecke getrieben wird. Sie versucht immer wieder die Gruppe zu verlassen. Kurz danach wird sie aber meist sofort wieder eingeladen und es geht von vorne los. Irgendwann schreibt auch jemand zu ihr: “Bring dich bitte einfach um”. Vor ein paar Monaten erst gab es einen Fall in den Niederlanden, bei dem sich ein 15-Jähriger umgebracht hat,  weil er Opfer von Cybermobbing geworden war.

Es gibt wenige Momente, in denen sich jemand zu Wort meldet und sie verteidigt. In einem Fall hat ihr Freund genug von dem Ganzen und schickt über ihr Handy eine Sprachnachricht in die Gruppe. Das ist auch die Stelle, wo alles eskaliert. Ihm wird sofort Gewalt angedroht. Es bildet sich eine Gruppe, die ihren Freund zusammenschlagen wollen. Dazu kommt es aber nicht. Die Schule bekommt mit, was in dem Chat los ist und stellt die Täter zur Rede. Danach kehrt Ruhe ein in den Chat, alle gehen tatsächlich gesitteter miteinander um und nehmen etwas mehr Rücksicht aufeinander.

Hilfe für Betroffene

Wie sollten sich Opfer von Cybermobbing in einer Whatsapp-Gruppe verhalten? 

In einigen Fällen ist es wohl so, dass die Opfer von Cybermobbing selbst viel Angriffsfläche bieten, indem sie ständig reagieren und sich auf Diskussionen einlassen. Deshalb ist es wichtig, als Betroffener nicht auf Anfeindungen zu antworten und sich nicht auf Diskussionen einzulassen. Genau das konnten wir auch in der WhatsApp-Gruppe sehen, die wir bekommen haben. Das Mädchen was gemobbt wurde hat sich häufig auf Diskussionen eingelassen, die dann irgendwann eskaliert sind. Also als Betroffener lieber nicht reagieren und sich seinen Teil denken.

Aber was dann, die ganze Zeit nichts sagen und alles über sich ergehen lassen?

Am Anfang schon! Opfer von Cybermobbing sollten sich dann aber so schnell wie möglich Hilfe suchen. Das kann ein Freund oder die Familie sein, aber auch eine anonyme Hotline. Nina Pirk von der NummergegenKummer zum Beispiel sagt, dass es für manche Opfer gar nicht so leicht ist, sich ihren Freunden oder der Familie anzuvertrauen. Trotzdem muss sich niemand Beleidigungen gefallen lassen. Deshalb sollten Cybermobbing-Opfer auch nicht alles in sich hinein fressen und still leiden, sondern schnell jemanden finden, mit dem sie reden können.

Und dann? Was sind die weiteren Schritte?

Dann muss dafür gesorgt werden, dass das Mobbing aufhört. Viele Schulen haben Beratungsstellen dafür. Man kann auch mit Chatprotokollen zum Vertrauenslehrer gehen, oder zum Schulleiter. Wir haben uns mit einigen Schulleitern darüber unterhalten und die benachrichtigen dann in schwerwiegenden Fällen auch die Eltern der Täter. Und das ist ein wichtiger Schritt, denn oft spielen die Täter ihr Verhalten herunter und sagen alles war nur Spaß. Aber das ist es für die Opfer nun mal nicht und keiner muss sich irgendwelche Beleidigungen gefallen lassen!

Strafen für die Täter

Gibt es überhaupt die Straftat Cybermobbing?

Nein, wegen Cybermobbing kann man nicht angeklagt werden. Allerdings machen die Täter ja bestimmte Dinge, um das Opfer zu mobben. Wie zum Beispiel heimlich Fotos, die dann in einer WhatsApp-Gruppe veröffentlicht werden, oder das Opfer wird beleidigt. Diese einzelnen Dinge sind dann Straftaten. Deshalb ist es auch sehr wichtig, dass die Opfer alle Beweise aufbewahren, sagt Steffen Kixmöller - Anwalt für Strafrecht aus Gelsenkirchen. Das reicht dann auch für eine Anklage und man braucht keine zusätzlichen Zeugen, weil die Nachrichten ja eindeutig über die Handynummer zuordenbar sind. 

Was ist denn, wenn die Täter noch minderjährig sind? Kann man sie dann trotzdem Anzeigen? 

Ja das geht, auch wenn die Täter noch unter 14 sind , kann es sein, dass die Eltern der Jugendlichen haften müssen. Das ist dann auch für die Täter wahrscheinlich nicht mehr so lustig, wenn die Eltern die Anwaltskosten einer Klage zahlen müssen. Ab 14 können die Täter dann sogar Jugendstrafen bekommen. 

Aber was können Eltern denn dagegen tun? 

Eltern sollten, schon bevor ihre Kinder ein eigenes Handy bekommen, mit ihnen ausführlich über das Internet sprechen. Also auf die Gefahren im Internet hinweisen und natürlich auch darüber reden, was die Kinder dürfen und was nicht. Das Handy dann im Nachhinein zu kontrollieren, sollte wirklich der allerletzte Ausweg sein! Eltern dürfen es zwar. Aber sollten es wirklich nur machen, wenn sie zum Beispiel befürchten, dass ihr Kind massiv bedroht wird.

Die Schulen bei uns

Was sagen die, ist Cybermobbing bei denen ein großes Thema?

Ja, bei allen Schulen, mit denen wir gesprochen haben, ist Cybermobbing ein Thema. Zum einen, weil es an diesen Schulen auch Cybermobbing-Fälle gibt. Ein bis vier Fälle pro Jahr sind davon so schwerwiegend, dass sich die Schulleitung einschalten muss. Zum anderen beschäftigen sich die Schulen aber nicht nur mit dem Thema, wenn es gerade einen aktuellen Fall an der Schule gibt, sondern es laufen auch im gesamten Jahr Präventionsmaßnahmen. Es gibt also Elternabende und Info-Veranstaltungen, bei denen über das Thema gesprochen wird. Zusätzlich laufen Antiaggressionstrainings schon ab der 5. Klasse. Und im Unterricht lernen die Schüler auch den richtigen Umgang mit Medien. Meistens passiert das im Informatikunterricht. Da ist ein Teil auch Medienkompetenz, wo den Schülern zum Beispiel beigebracht wird, was sie alles von sich im Netz preisgeben sollten und was nicht. 

Wenn die Schule von einem Cybermobbing-Fall erfährt, was macht sie dann in der Regel?

Es kommt drauf an, wie schwerwiegend der Fall ist. Kleinere Fälle werden meistens zusammen mit den Klassenlehrern besprochen. Es gibt auch speziell ausgebildete Schüler, die sogenannten Medien-Scouts, die dann mit ins Boot geholt werden. Bei den schlimmeren Fällen wird dann die Schulleitung eingeschaltet. Die Eltern werden in die Schule eingeladen, oder es kommen Sozialpädagogen oder Schulpsychologen dazu. Die Täter werden dann, je nach härte des Falls, auch bestraft. Manche bekommen einen Verweis nach Hause geschickt. Bei mehreren Verweisen können sie dann von der Schule fliegen. Manche Täter mussten auch die Klasse wechseln, damit sie sich nicht mehr so oft in der Nähe des Opfers aufhalten und in einem Fall, von dem ich gehört habe, hat das Opfer die Schule gewechselt, weil Nacktbilder von ihm veröffentlicht wurden.

Schule wechseln - ist das in den meisten Fällen die beste Lösung?

Wir haben mit einem Schulleiter darüber ausführlicher gesprochen. Seiner Meinung nach ist es die schlechteste Lösung. Der Grund ist die teilweise schulübergreifende Vernetzung der Schüler. Es kann also sein, dass das Cybermobbing-Opfer in der neuen Klasse sofort weiter gehänselt wird. Besser sei es, dass Opfer und Täter klärende Gespräche miteinander führen und pädagogische Maßnahmen greifen. Zum Beispiel, dass die Täter sich bei den Opfern entschuldigen und das, was sie angerichtet haben, wieder gut machen müssen.

Medienkompetenz

Ab wann sollten eigentlich Jugendliche soziale Netzwerke nutzen?

Es gibt dafür ganz klare Regeln. WhatsApp, Instagram, Snapchat und Facebook dürfen erst ab 13 Jahren genutzt werden. Vorher ist es also eigentlich verboten. Sollte Facebook rausfinden, dass der Nutzer unter 13 ist, wird der Account auch sofort gesperrt. 13 Jahre ist unserer Meinung nach ein ganz guter Richtwert, weil dann meistens schon eine gewisse Reife da ist, mit den sozialen Netzwerken richtig und verantwortungsvoll umzugehen. Soziale Netzwerke sollten also in der Grundschule Tabu sein.

Was sind die grundlegenden Verhaltensregeln für Kinder und Jugendliche, wenn sie sich im Internet bewegen?

Die wichtigsten Verhaltensregeln sind: keine persönlichen Daten von sich preiszugeben. Also keine Adresse oder auch keine Fotos, auf denen man erkennen kann, wie die Wohnung oder das eigene Zimmer aussehen. Dann sollte man auch nicht das Persönlichkeitsrecht von anderen verletzen und unerlaubt Fotos von ihnen machen und veröffentlichen. Auch eigentlich selbstverständlich: Keine Nacktfotos verschicken. Vor allem auch nicht an den Freund oder die Freundin, wenn man sich erst seit Kurzem kennt. Es gibt immer wieder Fälle, bei denen Nacktfotos, die verschickt wurden, später in WhatsApp-Gruppen veröffentlicht wurden und die Betroffenen dann die Schule wechseln mussten oder noch viel Schlimmeres passiert ist. Was auch noch ganz wichtig ist: nicht mit Fremden treffen, die man nur über das Internet kennengelernt hat.

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Anonyme Hilfe und Informationen
  • NummerGegenKummer - Kinder- und Jugendtelefon - 116111 | anonym und kostenlos vom Handy und Festnetz | montags - samstags von 14 - 20 Uhr 
  • NummerGegenKummer - Elterntelefon - 0800 1110550 | anonym und kostenlos vom Handy und Festnetz | montags - freitags von 9 - 11 Uhr & dienstags + donnerstags von 17 - 19 Uhr 
  • Safer Internet: Das CEF Telecom Programm der Europäischen Union unterstützt Safer Internet Centres in 27 europäischen Ländern mit dem Ziel die Medienkompetenz von Kindern, Eltern und Lehrern zu fördern, für mögliche Risiken im Internet zu sensibilisieren und Kindern und Jugendlichen eine telefonische Beratung zu Online-Problemen anzubieten.
  • Notfall-Seelsorge (auch Suizid-Prävention): Telefon-Hotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste: 0800 - 111 0 111 (ev.) 0800 - 111 0 222 (rk.)

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