Warum so viele Albaner über den Ärmelkanal kommen

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London/Tirana (dpa) - Wenn die britische Innenministerin Suella Braverman mit Blick auf Zehntausende Migranten von einer «Invasion» spricht, meint sie auch Leute wie Iva und Denis. Die 31-Jährige und der 26-Jährige aus Albanien sind über den Ärmelkanal ins Land gekommen, auf der Suche nach Arbeit - aber illegal, wie sie dem Sender Sky News erzählen. Wie sie wagen etliche Menschen die gefährliche Überfahrt. An diesem Donnerstag (24. November) ist es ein Jahr her, dass in der Meerenge zwischen Frankreich und Großbritannien ein Boot mit Migranten kenterte. 27 Menschen ertranken. Die Zahl derer, die das Risiko auf sich nehmen, ist seitdem noch gestiegen.

Im Fokus: Das verarmte Albanien. Nach Schätzungen haben in diesem Jahr bereits mehr als 12.000 Menschen aus dem Balkanstaat das Vereinigte Königreich auf illegalem Weg erreicht. Das ist knapp ein Drittel der Gesamtzahl von mehr als 40.000 Migranten. Im Sommer sollen Albaner an manchen Tagen etwa 60 Prozent der Ankommenden ausgemacht haben. Die meisten sind Männer - ihre Zahl entspricht nach Angaben aus London bis zu 2 Prozent der gesamten männlichen erwachsenen Bevölkerung. Der Anstieg sei exponentiell, sagte ein ranghoher Beamter des britischen Innenministeriums. Im Gesamtjahr 2021 kamen insgesamt 50 Albanerinnen und Albaner an.

Werbeclips in Online-Medien verlocken zur Überfahrt

Ein Katalysator sei Reklame für die Überfahrt in sozialen Medien wie Tiktok, die an Menschen aus dem Land gerichtet sei, berichtete das investigative Nachrichtenportal Mediapart in Frankreich. Auf Videoclips würden lachende Menschen in Booten mit viel Platz bei der Überfahrt gezeigt, das Meer sei ruhig, dazu laufe fröhliche Musik. «Es gibt jeden Tag Überfahrten», heißt es demnach auf Albanisch in einem der Videos. «Die Passage ist an einem Tag erledigt. Beeilen Sie sich, zum besten Preis. Ein Opfer für ein besseres Leben.»

Der Grund für viele: Wirtschaftliche Not in dem Land mit etwa 2,8 Millionen Einwohnern. Junge Leute wie Iva und Denis, die eine Arbeit hatten - sie als Aktienhändlerin, er in einer Privatklinik - sehen für sich keine Perspektive.

Albanien ist ein klassisches Auswanderungsland. Etwa 42.000 Bürger pro Jahr kehrten in den vergangenen zehn Jahren nach Angaben des albanischen Statistikamts ihrer Heimat den Rücken. Bittere Armut bei Durchschnittsgehältern von 400 bis 500 Euro im Monat, unzureichende Infrastruktur und die fehlende Aussicht, mit ehrlicher Arbeit ein würdiges Leben führen zu können, veranlassen seit Jahrzehnten vor allem Jüngere, ihr Glück im Ausland zu suchen. Nach dem Ende des Kommunismus 1991 strebten sie vor allem ins benachbarte Griechenland. Im Gedächtnis bleiben auch die Bilder von der chaotischen Flucht Zehntausender auf überfüllten Schiffen über die Meerenge von Otranto nach Italien.

Viele versuchen ihr Glück illegal

Nun ist Großbritannien eines der wichtigsten Zielländer. Tausende Albaner leben bereits legal hier. Ein 18-Jähriger, dem es nicht gelang, deutsche Aufenthaltspapiere zu erhalten, will zu entfernten Verwandten in England. «Ich gehe nicht auf gut Glück dahin», sagte er der französischen Zeitung «Le Monde». «Ich habe bereits eine Wohnung und einen Job als Fliesenleger, die auf mich warten.» Ein anderer verweist auf die Verdienstmöglichkeiten: Maximal 300 Euro in Albanien, mehr als 2000 Euro in Großbritannien. Doch Visa sind teuer, aufwendig und schwer zu bekommen. Viele versuchen ihr Glück illegal.

Albanische Medien vermuten hinter der Zunahme kriminelle Netzwerke, die den oft gefährlichen Transport über den Ärmelkanal organisieren - und sich dafür teuer bezahlen lassen. Ähnliches ist in London zu hören: Albanische kriminelle Banden hätten im Norden Frankreichs Fuß gefasst und damit begonnen, vor allem Albaner zu schleusen.

«Neben den ökonomischen Motiven geht es aber auch um Regierungsqualität und Zukunftsaussichten», sagte Alfred Rakipi, der Leiter des Albanischen Instituts für Öffentlichkeitsarbeit, dem Portal «euractiv». «Die Menschen haben kein Vertrauen (in die Politik), sie sehen kein Licht am Ende des Tunnels, und sie glauben nicht, dass sie hier eine Zukunft haben.» 

Ein Abkommen mit Paris soll Abhilfe schaffen

Um die Zahl der illegalen Überfahrten zu verringern, schloss London jüngst ein Abkommen mit Paris. Zudem will Großbritannien nun Infrastrukturprojekte in Albanien mit mehreren Millionen Pfund unterstützen, um vor allem jüngeren Leuten eine Perspektive in der Heimat zu bieten, wie die Zeitung «Telegraph» berichtete. Der für Migration zuständige Staatssekretär Robert Jenrick sagte dem Sender BBC Radio 4 aber, noch gebe es keine Vereinbarung mit Tirana.

Womöglich muss zunächst noch der Streit um die scharfe Rhetorik der konservativen Hardlinerin Braverman geklärt werden. Albaniens Ministerpräsident Edi Rama hatte die Stigmatisierung albanischer Zuwanderer in London als «Kriminelle» und «Sozialschmarotzer» scharf kritisiert: «Großbritannien sollte die kriminellen Banden aller Nationalitäten bekämpfen und damit aufhören, Albaner zu diskriminieren, um von (eigenem) politischem Versagen abzulenken.» In London gingen Tausende Albaner auf die Straße. Auch Aktienhändlerin Iva weist Vorurteile zurück. «Ich bin ein anständiger Mensch. Ich kann mich in die Gesellschaft integrieren», sagte sie zu Sky News.

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