Das Unsicherheitsgefühl am Hauptbahnhof Gelsenkirchen - eine Recherche

Nach einem Übergriff am Hauptbahnhof Gelsenkirchen berichten uns viele von einem Unsicherheitsgefühl und "Grüppchenbildung". Eine Umfrage unter einem unserer Artikel fällt dazu sehr deutlich aus.

Hauptbahnhof Gelsenkirchen
© Radio Emscher Lippe

Am 2.11.2019 kam es zu einem Übergriff einer zehnköpfigen Gruppe am Hauptbahnhof auf drei Reisende aus Essen. Die Gruppe umzingelt einen Mann auf der Rolltreppe. Als zwei Frauen ihm helfen wollen, schlagen die Tatverdächtigen auf sie ein und flüchten, die Essenerinnen müssen ins Krankenhaus gebracht werden. Wir fragen in einer nicht repräsentativen Umfrage auf unserer Homepage: “Fühlst du dich am Hauptbahnhof Gelsenkirchen noch sicher?” Insgesamt 1965 Personen stimmen ab (Stand 02.12.2019). 95% stimmen mit “Nein”. Sie fühlen sich also nicht sicher, ein sehr eindeutiges Ergebnis. Deshalb wollten wir genauer wissen: Ist es wirklich so unsicher am Hauptbahnhof Gelsenkirchen? Was sagen die Stadt und die Bundespolizei dazu? Was berichten Mitarbeiter und Reisende am Hauptbahnhof? Unser Reporter Michael Rose versucht, eine schwierige Gemengelage von Gefühlen und Zahlen zu verstehen.

Die Bundespolizei

Als ich mich in das Thema einlese, versuche ich einen Anfang zu finden. Ich versuche es mit Zahlen, die auf eine Unsicherheit am Hauptbahnhof hindeuten könnten, rufe bei der Pressestelle der Bundespolizei an. Die ist im Bahnhof für die Sicherheit zuständig. Ein Pressesprecher erzählt mir, dass das Thema “Grüppchenbildung” bekannt sei, es gebe deshalb immer wieder Schwerpunkteinsätze, auch mit Hundeführern. Bei der Überprüfung der Gruppen habe es auch Fahndungserfolge und Festnahmen gegeben. Eine Nachfrage in der Abteilung für Statistik liefert erste Zahlen: 62 Körperverletzungen im Hauptbahnhof wurden 2018 erfasst, zusätzlich gab es neun Mal Widerstand gegen Polizeibeamte oder Angriffe auf Polizisten. Das hört sich erstmal nicht viel an. Der Polizeisprecher sagt mir zudem am Telefon, dass die Zahlen für 2019 nochmal sehr deutlich darunter liegen. Noch seien sie nicht freigegeben, aber die Tendenz sei klar zu sehen. Was ist also dran an pöbelnden Gruppen am Hauptbahnhof?

Die Deutsche Bahn

Ich rufe bei der Bahn an, möchte wissen, wie viele Reisende täglich den Hbf Gelsenkirchen nutzen. Eine Bahnsprecherin teilt mir mit, dass pro Tag durchschnittlich 20.000 Reisende den Hbf nutzen. Das entspricht rund 7,3 Mio. Reisenden pro Jahr. Stellt man das den 62 Körperverletzungen aus der Statistik der Bundespolizei gegenüber, scheint die Zahl verschwindend gering. Auch weil alle Zahlen schon inklusive der Schalker Fußballspiele sind. Aber was sagen Statistiken über Gefühle aus? Wo ist der Unterschied zwischen "statistisch sicher" und "gefühlt unsicher"? Ich möchte die Erlebnisse und Eindrücke der Menschen direkt hören und fahre zum Hauptbahnhof.

Die Mitarbeiter

Ich rede mit den Mitarbeitern, ohne etwas aufzuzeichnen. Ich möchte mir ein schnelles und direktes Bild machen. Die Mitarbeiter arbeiten teilweise seit Jahren am Bahnhof, sie bekommen mit, was passiert. Ich spreche eine Mitarbeiterin im Eingangsbereich des Bahnhofs an. Sie fühle sich nicht sicher, wenn zu viele Besoffene unterwegs seien. Ich frage, wen genau sie damit meint. Auf meine Nachfrage erwähnt sie Gruppen von Männern, die für sie so aussehen, als hätten sie Migrationshintergrund. Diese Gruppen träfen sich am Bahnhof und machten Frauen an, erzählt die Mitarbeiterin weiter. Ich frage nach, wie genau so eine Situation aussieht. Sie sagt, manchmal müssten Frauen durch eine solche Gruppe laufen und würden dann von oben bis unten angeguckt und ihnen hinterhergepfiffen. Die meisten Frauen würden nicht reagieren und dann passiere auch nichts weiter. Ich denke mir, dass ein solches Erlebnis sicherlich zu einem Unsicherheitsgefühl beiträgt, aber in keiner Statistik auftaucht.

Ich frage noch weitere Mitarbeiter. Eine sagt, ich solle mal nach Herne fahren, da sei es weitaus schlimmer. Wenige andere erzählen mir, es sei besser geworden im letzten Jahr in Gelsenkirchen. Die meisten aber berichten auch von Grüppchen, die anmachen und rumpöbeln. Ein Mitarbeiter, der seit mehreren Jahren das tägliche Treiben am Hauptbahnhof mitbekommt, erzählt mir von sehr viel Vandalismus und dass die Grüppchen immer jünger würden. Er habe schon mal eine Gruppe zurechtgewiesen und sei daraufhin massiv bedroht worden. Daraufhin habe er sich zurückgezogen und den Sicherheitsdienst verständigt. Aber was machen schon zwei gegen 10-20, fragt er mich. Ich zucke mit den Schultern und frage ihn, ob er sich sicher fühlt am Hauptbahnhof? Nein, sagt er. Ich frage ihn, ob es denn in den letzten Jahren besser geworden sei. Nein, sagt er.

Die Zuständigkeitsbereiche

Ein Problem am Bahnhof könnten auch die unterschiedlichen Zuständigkeiten sein. Immerhin treffen hier private Unternehmen, öffentlicher Straßenraum und Deutsche Bahn direkt aufeinander. Ich möchte wissen, welcher Sicherheitsdienst genau für welchen Bereich zuständig ist. Ich rufe die Stadt Gelsenkirchen an, die erklärt mir: Im Bahnhofscenter (Einkaufsbereich vor dem Bahnhof) sei ein privater Sicherheitsdienst angestellt, auf dem Bahnhofsvorplatz seien die Polizei Gelsenkirchen und der kommunale Ordnungsdienst zuständig und im Bahnhof sei es dann die Bundespolizei als strafverfolgende Behörde und DB-Sicherheit, die ihr Hausrecht wahrnehmen. Ich spreche auch noch mal mit der Bundespolizei. Sie sagt dazu ganz deutlich, es gebe trotzdem kein Kompetenzgerangel. Es gebe die klare Absprache:

Wer da ist, der macht.

Die Bundespolizei nehme also auch Anzeigen auf dem Bahnhofsvorplatz entgegen und gebe sie an die Polizei Gelsenkirchen weiter. Auch flüchtende Gruppen würden natürlich so lange durch alle Zuständigkeitsbereiche verfolgt, bis sie gefasst seien. Ein Sprecher der Bundespolizei sagt mir, dass es wichtig sei, dass pöbelnde Gruppen der Bundespolizei gemeldet werden. Nur so können sie direkt eingreifen.

Die Reisenden

Ich möchte wissen, wie sich Reisende am Hauptbahnhof fühlen, spreche wahllos Menschen an. Viele sind in Eile und müssen die nächste Bahn erwischen. Keiner, mit dem ich rede, fühlt sich sicher am Hbf. Dann treffe ich Larissa, sie ist fast täglich am Bahnhof.

© Radio Emscher Lippe / Michael Rose

Kurze Zeit später treffe ich auf Mirco. Er hat erst vor Kurzem eine Schlägerei am Hbf mitbekommen.

© Radio Emscher Lippe / Michael Rose

Ein Mann erzählt mir noch, dass sein Freund als Taxifahrer arbeite und vor einigen Wochen von vier Personen am Hbf Gelsenkirchen verprügelt worden sei. Ich bekomme eine Ahnung davon, warum so viele sich am Hauptbahnhof unsicher fühlen: Pöbelnde Gruppen, ein Gefühl von zu wenig Präsenz von Sicherheitskräften, die zudem noch zahlenmäßig unterlegen scheinen. Ich sehe in der kurzen Zeit am Bahnhof selber gleich zwei Gruppen, eine die pöbelt, eine die um die Taxen draußen herumschleicht. Auf mich wirken sie, als suchten sie Streit. Die Bundespolizei sagt mir, der Hauptbahnhof Gelsenkirchen zähle nicht mehr zu ihren Schwerpunkten, weil es sich dort sehr gebessert habe. Trotzdem habe sie sie die Grüppchenbildung weiter auf dem Schirm. Die Zahl der Beamten sei zudem verstärkt worden, weil die Bundespolizei insgesamt mehr Beamte bekommen habe. Die Stadt Gelsenkirchen ergänzt, es gebe 30 Sicherheitskameras im und rund um den Bahnhof - und einen runden Tisch.

Der runde Tisch

Daran sitzen die Bahn, der Ordnungsdienst, die Bundespolizei, die Bogestra und das Referat 61 (Stadtplanung). Der runde Tisch wurde laut Stadt gegründet, um genau das Problem mit dem Unsicherheitsgefühl in den Griff zu bekommen. Ich spreche mit dem Abteilungsleiter für Lage und Strategie (Referat öffentliche Sicherheit und Ordnung), Thomas Richter. Er erzählt mir, der runde Tisch treffe sich ungefähr vier bis fünf Mal im Jahr. Allen Beteiligten sei es sehr wichtig, dass sich am Hauptbahnhof Gelsenkirchen etwas ändert. Erste Maßnahmen würden greifen, das sei bei einem Ortstermin im Sommer herausgekommen. Trotzdem stießen alle Handelnden in bestimmten Bereichen auch an ihre Grenzen. So lautet ein Fazit der Gespräche mit verschiedenen Beteiligten des runden Tisches: 

Wenn Gruppen da stehen und nur Leute angucken, kommt man an die Grenze, etwas tun zu können

Eins ist mir jetzt klar: Die allermeisten Menschen fühlen sich am Gelsenkirchener Hauptbahnhof nicht wohl - auch wenn die Statistik dieses Gefühl vielleicht nicht stützt. Wo aber kommt das her? (Was) Haben die Medien mit einem steigenden Unsicherheitsgefühl zu tun? Welche Rolle spielen sich ständig wiederholende Phrasen unter Facebook-Postings, wie zum Beispiel: “Es werde immer schlimmer”, “Bald könne man nirgendwo mehr hingehen”?

Das allgemeine Unsicherheitsgefühl

Ich kontaktiere dazu den Kriminologen Dr. Nils Zurawski. Er forscht am Institut für kriminologische Sozialforschung der Uni Hamburg zu genau diesem Thema.

© Radio Emscher Lippe / Michael Rose

Ich habe eine Menge Eindrücke in kurzer Zeit gesammelt - deswegen entscheide ich mich, ausführlich über meine Recherche und den Weg zu meinen Erkenntnissen zu berichten, nicht nur über das Ergebnis der Recherche. Auch weil ein "Unsicherheitsgefühl" schwierig zu greifen ist und Zahlen es nicht immer erklären können. Habe ich verstanden, warum sich viele am Hauptbahnhof Gelsenkirchen unsicher fühlen? Ja, das habe ich. Ist es immer berechtigt, sich so unsicher am Hbf zu fühlen? Ein Gefühl ist erstmal grundsätzlich immer berechtigt, laut den Zahlen der Statistik aber ist die Chance, dass einem tatsächlich am Hbf Gelsenkirchen etwas angetan wird, sehr gering. Wie man es besser machen könnte? Ich weiß es nicht. Die Bundespolizei hat mich eingeladen, an einem Sondereinsatz gegen u.a. Grüppchenbildung am Hbf Gelsenkirchen teilzunehmen. Ich werde anschließend hier darüber berichten.

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